Leseprobe: Kater Henrys Ansichten – Fünf amüsante Katzenkurzgeschichten

Ansicht I: Dein ist mein!

 

An diesem warmen Maitag lag ich faul auf der Fensterbank und ließ mir die Sonne auf den Pelz brennen. Ab und zu flog eine Amsel vorbei, die ich aufmerksam beobachtete. Manchmal dachte ich, diese Vögel wüssten ganz genau, dass sich zwischen ihnen und mir eine dicke Scheibe befindet, durch die hindurch ich sie nicht erwischen konnte. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an diese kleinen Plagegeister, die scheinbar absichtlich vor dem Fenster auf und ab flogen.

Nach etwa zwei Stunden streckte ich meine Pfoten aus, machte einen Katzenbuckel und begab mich von der Fensterbank auf den bequemen Ohrensessel, den Harry für mich stets frei hielt. Für meinen Mitbewohner gab es eine Couch, auf die er sich setzen durfte.

Harry bezog eine gute Rente, von der er mir hervorragendes Katzenfutter und eine biologisch abbaubare Katzenstreu kaufte. Ich liebte diese Katzenstreu! Wenn ich ihn nicht zu sehr verärgerte, gab es dreimal pro Woche ein Leckerli und sonntags frisch gekochtes Hühnchen oder Fischfilet. Also nur vom Feinsten! An diesem Tag verdarb ich es mir jedoch sehr mit meinem Mitbewohner.

Harry kam ins Wohnzimmer herein und sagte: “Na, Henry, wie geht es dir, mein Freund?” Ich fühlte mich sehr entspannt und zwinkerte meinem Mitbewohner mit einem Auge zu. Harry sprach mehrmals täglich mit mir. Er kam zu mir und streichelte über mein Fell. Wie ich das liebte! Ich belohnte ihn mit einem angenehmen, lauten Schnurren.

Harry setzte sich auf seine Couch und schaute nachdenklich nach oben. Plötzlich fragte er mich: “Henry, was soll ich heute essen? Hast du eine Idee?” Sofort schoss es mir durch den Kopf: ‘Fisch! Iss einen guten Fisch, und ich helfe dir dabei!’ Fisch mochte ich sehr. Am besten als Fischfilet, denn das ist grätenfrei. Manchmal kam es mir so vor, als übertrügen sich meine Gedanken auf Harry. So eine Art telepathische Beziehung schien es zwischen uns zu geben.

Mein Mitbewohner erhob sich von der Couch uns sagte: “Ich glaube, ich habe noch ein Fischfilet im Kühlschrank. So ein leckeres Mittagessen gönne ich mir heute.” Harry verließ das Wohnzimmer und verschwand für eine halbe Stunde in der Küche.

Freudig lag ich auf dem Ohrensessel und dachte bei mir: “Warte nur, Harry, das Fischfilet isst du nicht alleine!” Wie es für Katzen üblich ist, legte ich mich noch ein paar Minuten aufs Ohr und träumte, wie mir ein großes, warmes Fischfilet ins Maul flog.

Ich erwachte, als die Wohnzimmertür aufging und mein Mitbewohner mit einem Teller Fischfilet hereinkam. Er setzte sich an den Esstisch und grinste mich spitzbübisch an. Wir verstanden uns gut, aber bei seinem Essen verhielt sich Harry sehr eigen. Er referierte über die menschlichen Lebensmittel, die für Katzen zu stark gewürzt seien. So aß mein Mitbewohner seine Mahlzeiten, ohne mir davon auch nur einen einzigen Bissen abzugeben. Zumeist saß ich grollend in einiger Entfernung daneben, das Wasser lief mir im Maul zusammen, und ich beobachtete genau, ob diesem egoistischen Esser vielleicht ein paar kleine Stücke auf den Boden fielen.

Leider geschah dies nur äußerst selten. An diesem Tag sollte es jedoch anders sein. Harry steckte sich gerade seinen ersten großen Bissen in den Mund, als die Türklingel schrill läutete…

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